Antritt mit Glanz - und Grenzen

Der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Lahav Shani beeindruckt mit Präzision, lässt aber Tiefe und Glut vermissen
München, , Michael Bordt SJ

Ein interessantes Programm hat Lahav Shani für sein Antrittskonzert als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker gewählt. Statt sich mit einer eigenen Lesart des vertrauten, oft gespielten klassischen und romantischen Repertoires zu empfehlen und sich damit zugleich in eine große Dirigententradition einzureihen, schlug Shani einen anderen Weg ein. Drei Werke des 20. Jahrhunderts standen auf dem Programm: Bravourstücke, teils vom Jazz geprägt, mit prägnanter Rhythmik und einer Wirkung, die sich nicht zuletzt aus ihrer Unmittelbarkeit speist. Effektvoll, mitreißend, auf ihre Weise eingängig. Werke, die, wenn sie gut gespielt werden, den Applaus des Publikums beinahe schon in sich tragen.

Mit Maurice Ravels brillantem Klavierkkonzert in G-Dur und der mittlerweile 85-jährigen Martha Argerich als Solistin setzte man zunächst auf die sichere Karte. Vielleicht auf eine allzu sichere: Argerichs Spiel besitzt eine solche Souveränität, dass sich bisweilen der Eindruck einer gewissen Routine einstellt. Waren im ersten Satz noch einige rhythmische Unschärfen im Orchester zu hören, so entfaltete der zweite Satz eine ganz eigene Magie. Getragen von der großen Ruhe und Innigkeit des Orchesters, spielte Argerich mit einer Emphase, die den Moment beinahe stillstehen ließ.

Bernsteins vergleichsweise selten gespielte Chichester Psalms rührten schon deshalb, weil im zweiten Satz, beim Psalm „Der Herr ist mein Hirte“, ein Solist des Tölzer Knabenchors (Henrik Brandstetter) mit geradezu herzzerreißender Unmittelbarkeit sang. Mit ihnen und vor allem mit Igor Strawinskys Le sacre du printemps setzte Shani schließlich auf musikalische Überwältigung. Das Programm versprach weniger die Erkundung interpretatorischer Tiefenschichten als ein Feuerwerk orchestraler Möglichkeiten.

Dabei würde man Shani und den Münchner Philharmonikern Unrecht tun, wollte man daraus schließen, die Wahl dieser Werke habe es ihnen leicht gemacht. Im Gegenteil: Was hier an technischer Präzision, rhythmischer Komplexität und klanglicher Differenzierung gefordert ist, gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben des Orchesterrepertoires. Im Sacrewaren besonders die Präzision des Zusammenspiels und die Farbenvielfalt der Holz- und Blechbläser bewundernswert. Und doch blieb eine Leerstelle. Die Musik entfaltete ihre Wucht, aber sie erschütterte nicht. Man konnte die Brillanz bewundern, ohne von ihr gepackt zu werden. Statt eines überwältigenden musikalischen Erlebnisses blieb eher die Ahnung eines Potenzials, das in diesem Orchester steckt und das sich nun, nach vier Jahren ohne Chefdirigenten, unter Shanis Leitung neu entfalten könnte.

Bei Bernsteins Chichester Psalms, großartig gesungen vom Philharmonischen Chor München in der Einstudierung von Andreas Herrmann, zeigten sich allerdings auch Grenzen. Ausgerechnet dort, wo das Werk seine eigentliche dramatische Spannung entfaltet, blieb die Aufführung unverbindlich. Die Stille des zweiten Satzes, die sich allmählich ausbreiten soll, um dann brutal vom Kriegsgebrüll unterbrochen zu werden, wirkte merkwürdig belanglos. Der Kontrast zwischen innerer Sammlung und eruptivem Aufruhr verlor dadurch einen wesentlichen Teil seiner Wirkung.

Hier liegt möglicherweise eine Schwäche in Shanis Dirigierweise. Seine Bewegungen scheinen den Klang nur selten zu modellieren; er greift wenig ein und lässt das Orchester vielfach gewähren. Was Orchestermitglieder in Interviews an ihm schätzen – dass er ohne Taktstock dirigiert –, mag für eine direkte, körperlich erfahrbare Verständigung stehen. Doch die überraschende Gleichförmigkeit seiner Bewegungen begünstigt bisweilen ein dynamisches Ungleichgewicht. Nicht jeder Klang erhält sein eigenes Gewicht, nicht jede musikalische Geste ihre unverwechselbare Kontur.

Das zeigte sich besonders im Präludium zu Beginn des dritten Satzes der Chichester Psalms. Die Streicher breiten hier einen Klangteppich aus, der sich bis zum dreifachen Forte steigert. Bei Shani wurde daraus ein durchaus lauter Klang, aber keiner, der wirklich glühte. Es fehlte innere Spannung, jene klangliche Verwandlung, durch die Lautstärke zu Ausdruck wird.

Ein Antrittskonzert ist freilich noch kein Maßstab für eine musikalische Partnerschaft, die erst beginnt. Shani hat mit diesem Programm vor allem gezeigt, was die Münchner Philharmoniker technisch zu leisten vermögen. Ob daraus auch jene interpretatorische Handschrift entsteht, die ein Orchester nicht nur glänzen, sondern sprechen lässt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Nach der langen Vakanz ist die Erwartung an diesen Neubeginn jedenfalls groß.

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