Blut, Wahn und große Stimmen
Verdis „Macbeth“ an der Bayerischen Staatsoper: Trotz altbekannter Inszenierung wird der Abend dank Asmik Grigorian, Gerald Finley und Jonathan Tetelman zum Festspielereignis
München, 5. Juli 2026, Christian Gohlke

Das war mehr als eine bloße Repertoire-Aufführung von Verdis „Macbeth“ – es war ein Festspielabend! Nicht unbedingt, weil Martin Kušejs Inszenierung aus dem Jahr 2008 in jedem Punkt überzeugte oder weil das Bühnenbild von Martin Zehetgruber (eine Schädelstätte und transparente Plastikvorhänge dominieren das Bild) weniger hässlich geworden wäre im Laufe der Zeit, sondern weil hinreißend musiziert wurde. Und immerhin: Starke Bilder fand der Regisseur durchaus, um das Innenleben der Figuren zu visualisieren und um die zentralen Prophezeiungen der Hexen anschaulich werden zu lassen. Kinder mit strengen, grellblonden Frisuren treten auf der Bühne auf, wenn von der Zukunft des Helden die Rede ist, und sehen in ihren adretten Kostümen aus wie kleine, bedrohliche Erwachsene: Sie sind gewissermaßen schon die Erfüllung der Prophezeiung und zeigen Macbeth, dass nicht sein Geschlecht in Zukunft regieren wird, sondern das seines brutal aus dem Weg geräumten Weggefährten Banco, hervorragend besetzt mit Roberto Tagliavini, der seinen kraftvollen Bass geschmeidig fließen und den Raum damit mühelos fluten kann.

Der Preis für diese machthungrigen Morde ist hoch, und es gehört zu den eindringlichsten Szenen des Abends, wenn Lady Macbeth im vierten Akt schlafwandelt: eine gebrochene Frau, die fahrig eine Zigarette entzünden möchte, während sie über einen nebelverhangenen Berg von Schädeln stolpert, um dann wieder und wieder das vermeintlich an ihr klebende Blut abzuwischen. Asmik Grigorian singt und spielt diese Partie überragend. Verdi wünschte sich von einer Sängerin in dieser Rolle eine Stimme, die er als rau, erstickt, dumpf, ja teuflisch („una voce aspra, soffocata, cupa“) beschrieb, was im Grunde genommen auf Grigorians Sopran gar nicht zutrifft. Aber sie hat eben die nötigen Farben, um einen solchen Ausdruck herzustellen. Wie der Ehrgeiz hörbar in ihr aufflammt, als sie von der gloriosen Prophezeiung erfährt („Ambizioso spirito“), wie sie beim berühmten Trinklied „Brindisi / Si colmi in calice“ die Wiederholung rhythmisch und klanglich um eine Spur intensiviert und so hörbar macht, dass die Fröhlichkeit nur aufgesetzt und darum aufgekratzt ist, oder wie sie eben in der finalen Wahnsinnsszene den Schauder vor dem „Menschenblut“ zum Ausdruck bringt, das alles ist meisterhaft gestaltet und übertrifft wohl noch Grigorians Salzburger Auftritt in dieser Partie.

Daneben wirkt Gerald Finley als Macbeth mit einem etwas gaumigen, nicht allzu farbenreichen Timbre wirklich so, als hätte er den befeuernden Zuspruch seiner ehrgeizigen Gattin nötig, weil Mord und Totschlag seine seelische Disposition eigentlich übersteigen. Eine plausible Gestaltung, die ihre stärksten Momente in reflektierenden Augenblicken hat, besonders im vierten Akt, wenn er in seiner großen Arie in eine trostlose Zukunft blickt: „non spargeran d’un fiore / La tua canuta età.“ So macht er wohl, fatalistisch gestimmt, nicht einmal ganz ungern dem glücklicheren Macduff Platz, der „aus dem Schoß der Mutter gerissen“ wurde und zum Sieger bestimmt ist. Jonathan Tetelman verleiht ihm mit strahlendem Tenor eine wahrhaft heldische Präsenz, vor allem in seiner großen Arie „Ah, la paterna mano“, die er, vielleicht nicht sonderlich feinzeichnerisch, aber ungeheuer effektvoll, nutzt, um all seine tenorale Stimmpracht zu entfalten. Ein bisschen Zirkus darf bei Verdi ja sein.

Befeuert wurde er dabei von Andrea Battistoni am Pult des bestens aufgelegten Bayerischen Staatsorchesters. Ähnlich wie Tetelman ist auch Battistoni nicht unbedingt an feinen Nuancen gelegen. Aber er versteht es, in großen Bögen und organischen Steigerungen immer wieder eindrucksvolle Höhepunkte zu kreieren. Atmosphärisch dicht, spannungsvoll und hochdramatisch: Es ist ein Verdi, der mitreißt und begeistert. Großer Beifall für einen großen Abend!