Die Seele tanzt erst zum Schluss

Der Ballettabend „Paysages intérieurs“ an der Pariser Oper will Seelenlandschaften sichtbar machen. Das gelingt erst mit Aszure Bartons „Busk“
Paris, , Michael Bordt SJ

Was geht in uns vor und wie lässt sich das, was sich im Inneren eines Menschen bewegt, durch Tanz nach außen kehren und sichtbar machen? Diesem Thema wollte sich der Ballettabend „Paysages intérieurs“ – „Innere Landschaften“ – an der Pariser Oper widmen. Drei Choreografen nähern sich, so die Ankündigung im Programmheft, auf ganz unterschiedliche Weise der Welt innerer Empfindungen, Emotionen und Bewegungen. Ein vielversprechendes Vorhaben. Doch vermag die Aufführung diesen Anspruch auch einzulösen?

Zwei der drei jeweils halbstündigen Stücke wurden neu ins Repertoire der Pariser Oper aufgenommen: Jean-Christophe Maillots „Vers un pays sage“ aus dem Jahr 1995, ein schnelles, lautes Stück mit prägnanten Rhythmen zur Musik von John Adams, sowie Aszure Bartons „Busk“ von 2009. Der Titel spielt mit zwei Bedeutungen: Das englische to busk bezeichnet den Auftritt eines Straßenkünstlers, während das spanische buscar „suchen“ bedeutet. Die musikalische Collage versammelt unter anderem Werke von Moondog und Camille Saint-Saëns. William Forsythes „Rearray“ hingegen ist eine Wiederaufnahme. Das Stück für eine Tänzerin und zwei Tänzer – Hannah O’Neill, Andrea Sarri und Shale Wagman – entstand zur Musik von David Morrow, Forsythes langjährigem musikalischen Partner. Drei Choreografen, drei sehr unterschiedliche Handschriften: Das kann die Chance bieten, ein gemeinsames Thema aus überraschend verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Es birgt aber auch das Risiko, dass die Zusammenstellung beliebig wirkt und die thematische Klammer eher behauptet als tatsächlich erfahrbar wird. Genau dieser Eindruck stellt sich an diesem Abend immer wieder ein.

Zunächst allerdings ist festzuhalten: Die tänzerischen Leistungen sind durchweg herausragend. Die technische Perfektion der Tänzerinnen und Tänzer ist beeindruckend. In den großen Ensembleszenen greifen die Bewegungen mit einer Präzision ineinander, die ihresgleichen sucht. Alles wirkt leicht und geschmeidig, selbst die anspruchsvollsten Sprünge und Hebungen scheinen mühelos zu gelingen. Doch gerade dort, wo die technische Brillanz am augenfälligsten wird, gerät bisweilen etwas anderes aus dem Blick: der Ausdruck.

Das gilt insbesondere für Maillots „Vers un pays sage“. Das Stück stellt höchste Anforderungen an die körperliche Virtuosität der Tänzer, bleibt aber allzu oft in der Akrobatik der Bewegung stecken. Was sich darin an innerer Bewegung, an Empfindung oder seelischer Dynamik ausdrücken soll, erschließt sich allenfalls in vereinzelten Momenten. Ist es Lebensfreude? Die rastlose Dynamik eines Lebens, in dem alles in Bewegung ist? Oder geht es gerade um die Unruhe, die sich hinter einer solchen Bewegtheit verbergen könnte? Der Tanz lässt diese Fragen offen – nicht auf eine produktiv rätselhafte, sondern eher auf eine unbestimmte Weise.

Zugänglicher wird es bei Forsythes „Rearray“. Schon die längeren Passagen, in denen die drei Tänzer in völliger Stille agieren, verändern die Wahrnehmung und steigern die Konzentration auf jede einzelne Bewegung. Immer wieder erlischt das Licht, danach setzen die Tänzer mit ihren Bewegungen neu an. Wie sie sich ineinander verschlingen, sich voneinander lösen und immer neue Konstellationen bilden, ist faszinierend anzusehen. Besonders eindrücklich ist ein Duett der beiden Männer. Hier entstehen Beziehung und Nähe, die sich allein durch die Körper und ihre Bewegungen vermitteln. Und doch bleibt auch bei diesem Stück die Frage, ob darin tatsächlich innere Zustände sichtbar werden, ob sich gleichsam eine äußere Gestalt seelischer Landschaften bildet. Ganz erschließt sich das nicht. Der Applaus fällt entsprechend freundlich und anerkennend aus, ohne sich zu besonderer Begeisterung aufzuschwingen.

Das ändert sich mit dem dritten und letzten Stück. Aszure Bartons „Busk“, ganz in Schwarz-Weiß gehalten, findet einen deutlich unmittelbareren Zugang zum Publikum. Zu Beginn sitzt ein Tänzer im Dunkeln auf einer kleinen Treppe, in einen Kapuzenpullover gehüllt (oder ist es eine Mönchskutte?), verloren und für sich. Dann erhebt er sich, tritt an den Bühnenrand und streckt fordernd die Hand aus. Die Geste erinnert an einen Straßenkünstler, der um eine Gabe bittet. Bald gesellen sich weitere Tänzer zu ihm, und es entwickelt sich eine Choreografie von großer Ausdruckskraft und Originalität. Besonders eindrucksvoll sind die Momente, in denen sich die 18 Tänzer zu einem einzigen Organismus verbinden, zu einer Art vielköpfigem Lebewesen. Mit abrupten, an Vogelbewegungen erinnernden Kopfwendungen scheinen sie miteinander zu kommunizieren, als verfügten sie über eine gemeinsame Wahrnehmung und ein gemeinsames Nervensystem. Solche Bilder bleiben im Gedächtnis. Manches wirkt dabei vielleicht etwas plakativ, etwa wenn ein Tänzer pantomimisch eine Zigarette raucht. Doch nach den beiden eher abstrakten Choreografien ist diese größere Anschaulichkeit durchaus willkommen. „Busk“ besitzt eine eigene, unverwechselbare Bildsprache und eine Energie, die sich unmittelbar auf den Zuschauerraum überträgt. Hier fällt der Beifall denn auch deutlich kräftiger aus.

So endet ein Abend, der seine besten Momente ausgerechnet dort findet, wo er sich am wenigsten in die Abstraktion zurückzieht. Die Frage nach den inneren Landschaften wird zwar nicht durchgehend überzeugend beantwortet. Aber zumindest „Busk“ zeigt, wie viel sich durch Tanz erzählen lässt, ohne dass er sich in bloßer Bewegung erschöpft. Ein Wermutstropfen bleibt: Die Musik kommt an diesem Abend durchweg vom Band. Gerade bei einem so körperlichen, von Rhythmus und Bewegung getragenen Kunstereignis hätte eine live gespielte Musik dem Ganzen eine zusätzliche Dimension verleihen können.

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