Ein Abend - sechs Welten
Das Bayerische Staatsballett zeigt mit „Konstellationen" die Bandbreite des Balletts – von Petipa bis León/Lightfoot
München, 19. Juni 2026, Johannes Groll

Normalerweise wird bei einer Ballettvorführung ein Stück an einem Abend präsentiert. Mit etwas Glück hat man die Chance, einen dreiteiligen Abend, einen sogenannten Triple Bill, zu erleben. Mit dem neuen Programm Konstellationen übertrifft sich das Bayerische Staatsballett jedoch und bietet gleich sechs verschiedene Programmpunkte an einem Abend – und das mit konstant hervorragender Qualität. Der Titel des Programms geht auf den astronomischen Begriff der Zusammenstellung von Himmelskörpern zurück. Übertragen auf die Ballettwissenschaft sollen also sowohl das Ballett als facettenreiche Kunstform – bezogen auf die Entwicklung der letzten 150 Jahre – als auch das Zusammenspiel von Körpern erfasst werden.

Der Abend eröffnete mit einem Grand Pas Classique aus Marius Petipas Paquita, in dem Violetta Keller und Julien McKay die Solopartien übernahmen. Im Vergleich zu den anderen Programmpunkten war das Corps des ballet hier am zahlreichsten vertreten und half durch sein technisches Können, den Auftakt dieses neuen Programms vielversprechend zu gestalten.

Den zweiten Teil der Soirée bildete das neue Stück Shipwreck von Simon Adamson De Luca. Inspiration für sein Werk fand der angehende Choreograph während eines Aufenthalts im italienischen Nervi am Meeresufer, als er selbst noch Teil der hiesigen Junior Company war. Seine Beobachtung des Wassers verleitete ihn zu der mitreißenden Choreographie, die am Grunde des Meeres spielt. Verkörpert durch Severin Brunnhuber und Ana Gonçalves, erschafft er eine Welt, in der die Schwerkraft nahezu ausgesetzt wird und nur noch das magische Zusammenspiel der Tänzer zählt.

Der Titel Like Spinning Plates der britischen Band Radiohead wird von Edward Clug in seinem Pas de deux aus Radio and Juliet interpretiert. Dabei findet er einen Kompromiss aus Emotionalität und Abstraktion sowie aus Eigenständigkeit und Komplexität. Bei diesem dritten Programmpunkt bewiesen Jakob Feyferlik und Violetta Keller in ihren Partien absolute Könnerschaft und schufen gemeinsam einen tänzerischen Kontrapunkt, der das Stück vorantrieb und unterhaltsam hielt. Sowohl die Kostüme als auch das Bühnenbild waren minimalistisch gehalten; so lag der Fokus umso mehr auf den beiden Tänzern und ihrer Beziehung zueinander.

Durch den Ballettdirektor des Staatsballetts, Laurent Hilaire, besteht eine ganz besondere Verbindung zwischen dem Bayerischen Staatsballett und dem Choreographen Angelin Preljocaj. Sein Stück Un trait d’union – zu Deutsch in etwa „Bindestrich“ – erarbeitet die Interaktion zweier Herren um einen Sessel beziehungsweise einen einfach gehaltenen Schreibtischstuhl. Die Verbindung der beiden bleibt jedoch unklar und mehrschichtig, da sie sich sowohl bekämpfen als auch auffangen und ausbalancieren. Wie von Preljocaj gewohnt, gehen Körperlichkeit und Physik miteinander einher und erschaffen Bilder, bei denen dem Publikum auch bei dem sowieso schon spektakulären Abend nur das Staunen übrigblieb.

Nach einer kurzen Pause bildeten den zweiten Abschnitt des Abends zwei Stücke des Künstlerduos Sol León und Paul Lightfoot, welche dem Münchner Publikum bereits 2025 im Rahmen von Sphären.03 präsentiert wurden. Dennoch sorgten die Choreographien für reichlich Beifall des Publikums – zu Recht.

Mit Shutters Shut wird ungewöhnlicherweise keine Musik betanzt, sondern ein eingesprochener Text von Gertrude Stein. Carolina Bastos und Ariel Merkuri agierten dabei als Gegenstücke miteinander und gestikulierten zu den Worten aus Steins Gedicht If I Told Him.

Die letzte Choreographie des Abends trug den Titel Subject to Change und nutzte einen Teppich, der wie eine zweite Bühne beziehungsweise Leinwand funktionierte. Diese neue Ebene wurde von vier Tänzern aufgespannt, die den Teppich im Verlauf drehten und falteten. Dazu stießen Jakob Feyferlik und Lauretta Summerscales, die verschiedene Muster auf dem Teppich tanzten, die durch die veränderte Ausrichtung des Textils sichtbar wurden. Ein starker Abend. Viel Applaus!