Ritus der schwarzen Sonne
Seit zehn Jahren gibt es eine Kooperation der Ernst von Siemens Musikstiftung mit musica viva des Bayerischen Rundfunks und dem Lucerne Festival. Ihr Ziel ist es, großbesetzte und hochkomplexe Schlüsselwerke der modernen Musik aufführbar zu machen – Werke also, die selten zu hören sind, aber mehr Beachtung verdienen und einem größeren Publikum erschlossen werden sollen.
In diesem Jahr stand Wolfgang Rihms Frühwerk „Tutuguri“ auf dem Programm. Der Titel geht zurück auf einen Text des französischen Dichters und Theatermachers Antonin Artaud: „Tutuguri – Le rite du soleil noir“, Tutuguri – der Ritus der schwarzen Sonne. Artaud hatte auf einer Reise nach Mexiko den rituellen Tanz der indigenen Tarahumara kennengelernt und ihn in seinem Text zu einem Gegenbild unserer vertrauten Ordnung werden lassen. Die schwarze Sonne ist nicht die Sonne, die erhellt und Orientierung gibt. Sie ist eine zerstörerische Kraft, die Formen sprengt und den Menschen aus den gewohnten Ordnungen von Körper, Sprache und Religion herausführt. „Tutuguri“ wird so zu einem Ritus der Grenzüberschreitung – zu einem Versuch, dorthin zu gelangen, wo das Vertraute nicht mehr trägt.
Rihm war von Artauds Sprache und von der Vorstellung einer solchen radikalen Grenzerfahrung unmittelbar fasziniert. Aus dem Text entstand in den Jahren 1980 bis 1982 eine Komposition für großes Orchester in vier Sätzen, die zugleich als vier Tänze verstanden werden können. Die ersten drei Sätze sind für ein groß besetztes Sinfonieorchester geschrieben und bilden einen ersten Teil. Dann verändert sich alles: Der vierte und letzte Satz ist allein den sechs Schlagzeugern anvertraut und dauert rund vierzig Minuten.
„Tutuguri“ ist ein Stück, das nicht einfach gehört werden will. Es will erfahren werden. Rihm arbeitet mit einer ungeheuren körperlichen Präsenz des Klangs: mit Lautstärke, Verdichtung, eruptiven Ausbrüchen und obsessiven rhythmischen Bewegungen, aber ebenso mit Momenten von äußerster Zartheit und fast unhörbarer Spannung. Musik scheint hier weniger etwas zu erzählen oder abzubilden, als einen Zustand herzustellen. Sie bringt den Hörer an die Grenze dessen, was sich noch ordnen und in vertraute musikalische Kategorien fassen lässt. Und gerade darin liegt die eigentümliche Faszination dieses Werks.
Wie unmittelbar diese Musik wirken kann, zeigte nun die Münchner Aufführung. Zu Gast bei musica viva war das 2021 gegründete Lucerne Festival Contemporary Orchestra, das „Tutuguri“ zuvor bereits in Luzern und Berlin gespielt hat. Das Orchester besteht aus Mitgliedern und Absolventen der Lucerne Festival Academy, die jedes Jahr mehr als hundert junge Stipendiaten zusammenführt, damit sie sich intensiv mit der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts auseinandersetzen. Wolfgang Rihm leitete die Academy von 2016 bis zu seinem Tod 2024; sein Schüler Jörg Widmann hat in diesem Jahr ihre künstlerische Leitung übernommen und dirigierte auch die Münchner Aufführung.
Die musikalische Leistung dieses jungen, aus mehr als zwanzig Nationen zusammengesetzten Orchesters war außergewöhnlich. Da waren zauberhaft zarte, fast stillstehende Passagen, Klangflächen von immer wieder überraschender Farbigkeit und dann jene rohen, geradezu körperlich spürbaren Orchesterausbrüche, die mit einer unglaublichen rhythmischen Präzision gespielt wurden. Bei aller Masse des Klanges blieb das Geschehen erstaunlich differenziert. Jörg Widmann hielt diesen gewaltigen Klangkörper mit einem sehr klaren und durchsichtigen Dirigat zusammen. Im vierten Teil allerdings trat er weitgehend zurück. Hier agierten die sechs Schlagzeuger beinahe wie ein Kammerensemble. Unter der behutsamen Leitung des Schlagzeugers Christoph Sietzen, der den Satz mit seinen Kollegen einstudiert hatte, entstand ein ganz eigener Sog: weniger der große orchestrale Ausbruch als eine immer weiter getriebene, körperliche und zugleich hochkonzentrierte Bewegung.
Vielleicht war gerade diese Verbindung das Faszinierende dieses Abends: Ein Werk, das vor mehr als vierzig Jahren aus Artauds Vision einer schwarzen Sonne hervorgegangen ist, traf auf ein junges internationales Orchester, das sich seine Gegenwart erst erarbeitet. Die Münchner Aufführung machte „Tutuguri“ nicht zu einem Museumsstück der musikalischen Avantgarde, sondern ließ spüren, wie lebendig und verstörend diese Musik noch immer sein kann. Großer, begeisterter Applaus für einen exzeptionellen Saisonauftakt.