Solide Wiederkehr
Nach mehreren Jahren Pause ist John Neumeiers „Kameliendame“ seit der letzten Saison wieder beim Bayerischen Staatsballett zu erleben. Jetzt wurde die neue Spielzeit mit diesem klassisch gewordenen Handlungsballett eröffnet. Diese 117. Münchner Vorstellung war ordentlich, aber nicht herausragend.
Das lag auch daran, dass die kleineren Partien nicht gut genug besetzt waren. Der Darsteller des Grafen N. zum Beispiel gestaltete seinen Part zwar ansprechend und zeigte eine Figur, die sich vor Sehnsucht zu Marguerite, der umschwärmten Kameliendame, regelrecht verzehrt und ungeschickt um sie wirbt, aber die Hebefiguren bereiteten ihm im dritten Akt sichtbare Mühe. Den Bravourstücken der bezaubernden Landszene fehlt nach wie vor der letzte Schliff. Hier sollte dem Zuschauer keinerlei Mühe bemerkbar werden. Ein wenig wackelig gerieten dem Corps de ballet auch die großen Ball-Szenen in den ersten beiden Akten, und ungewohnt wackelig war das Spiel des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Markus Lehtinen. Darstellerisch blass blieb in dieser Aufführung leider Monsieur Duval, gerade in der großen Konfrontation mit der Protagonistin im zweiten Akt. Technisch ist dieser Part nicht sehr schwer; er verlangt aber nach tiefem Ausdruck.
Beides, technische Bravour und Ausdruck, kennzeichnete dafür die Interpretation der Rolle der Manon durch Violetta Keller. Präzise und elegant, umweht von einer gewissen, der Rolle adäquaten Unnahbarkeit war ihr Spiel an der Seite ihres Partners Des Grieux, Jinhao Zhang. Beide Figuren sind bei Neumeier eine Identifikationsfläche der Protagonisten, die sich in deren Schicksal wiedererkennen. Jakob Feyferlik, der in der vergangenen Spielzeit bei der Wiederaufnahmepremiere bereits den Armand verkörpert hatte, ist noch mehr in die Rolle hineingewachsen. Er gibt einen leidenschaftlichen jungen Mann mit großen Gefühlen, die tief verletzt werden. So findet er gerade in der Ballszene im dritten Akt zu großer Eindringlichkeit. Derangiert vom Kummer wie vom Champagner steckt er seiner großen Liebe einen Umschlag mit Banknoten zu, die ihr zeigen sollen, dass sie für ihn nichts war als ein wenig käufliches Vergnügen. Zum ersten Mal an Feyferliks Seite war Ksenia Shevtsova als Titelfigur zu erleben, und es war durchaus zu bemerken, dass sich eine letzte Vertrautheit zwischen beiden noch nicht eingestellt hat – gerade dem großen Pas de deux im letzten Akt fehlte es noch ein wenig an Unmittelbarkeit und Leidenschaft. Shevtsova zeigt aber darstellerisch überzeugend eine charakterlich eher dunkle Kameliendame, verletzlich und zerbrechlich schon gleich von Anfang an. Beide wurden beim Tanz und beim Spiel getragen von Chopins Musik, die Dmitry Mayboroda farbenreich, nuanciert, aber auch sehr kraftvoll zu gestalten wusste. Zu Recht wurde ihm beim Schlussapplaus besonders gedankt.