Verstörte Puppen, stille Meister

Rihm, Strawinsky und jahrhundertealtes Noh-Theater: Drei Gastspiele führen die Reihe musica viva von der Nachkriegstrauma-Groteske bis zum rituellen Tanz
München, , Michael Bordt SJ

Mit drei Gastspielen eröffnete die Reihe musica viva in München ihre diesjährige Saison. Den Auftakt machte das Lucerne Festival Contemporary Orchestra mit Wolfgang Rihms „Tutuguri" (wir berichten). Es folgte eine Übernahme von den Salzburger Festspielen 2025: Igor Strawinskys „Geschichte eines Soldaten" in einer Produktion des Salzburger Marionettentheaters. Das Musiktheater in zwei Teilen wurde zwar vor über hundert Jahren, 1918 noch während des Ersten Weltkriegs, uraufgeführt, aber weil Baselitz das Bühnenbild und die Marionetten schuf, passt die Aufführung dann doch tatsächlich in ein Programm, das sich der neuesten Musik widmet. Das dritte Gastspiel führte schließlich in eine völlig andere Welt: Das Kanze-Noh-Ensemble aus Tokio präsentierte drei Werke der über Jahrhunderte getreu überlieferten japanischen Noh-Tradition.

Wer beim Marionettentheater an putzige Puppen denkt, liegt bei der Salzburger Produktion gründlich daneben. Baselitz' Figuren verstören nachhaltig: Die Körper sind auf ihr Gerippe reduziert, aus Holzröhren zusammengesetzt, nackt und zugleich merkwürdig körperlos; dazu kommen groteske Köpfe. Die Reduktion passt zur beklemmenden Nachkriegsgeschichte, die der Musik zu Grunde liegt. Es ist die Geschichte eines aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten, der mit dem Teufel einen Pakt eingeht, in seiner Heimat nicht wiedererkannt wird, zu großem Reichtum kommt, der ihn einsam macht, zwar eine Prinzessin heiraten kann, aber beim Versuch, mit ihr in seine Heimat zurückzukehren, dem Teufel verfällt. Die Moral der Geschichte ist bitter: Wer den Krieg erlebt hat, kann nicht einfach an seine Vergangenheit anknüpfen. Die Zeit vor dem Krieg lässt sich nicht wiederherstellen, die verlorene Heimat nicht zurückgewinnen. Und auch ein neues Glück vermag die Vergangenheit nicht ungeschehen zu machen.

Dass der Abend dennoch nicht in Depressivität und Düsternis versinkt, ist Strawinskys Musik zu verdanken: scharf konturierte Rhythmen, tänzerische Anspielungen und eine spröde, bisweilen sarkastische Klangsprache halten das Geschehen in der Schwebe zwischen Märchen, Groteske und Tragödie. Das von Isabelle Faust angeführte Ensemble spielt mit großer Präzision und kammermusikalischer Transparenz. Herausragend ist Dominique Horwitz als Sprecher. Er erzählt nicht einfach, sondern spielt, wechselt mit stupender Geschwindigkeit zwischen den Figuren und trifft die Balance aus groteskem Witz und existenzieller Härte, die das Werk kennzeichnet. Dazu kommt die Präzision der Marionettenspieler: Jeder Blick, jede Drehung, jede Bewegung scheint bis ins Kleinste gesetzt.

Ein größerer Kontrast dazu ist kaum denkbar als das Gastspiel des Kanze-Noh-Ensembles aus Tokio. Mit Kiyokazu Kanze, dem 26. Großmeister der Kanze-Schule, standen drei klassische Stücke auf dem Programm: „Hagoromo" (Das Federgewand), die Komödie „Kaki Yamabushi" (Der Kakidieb) und „Shakkyoh" (Die Steinbrücke), deren Traditionen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Die Geschichten sind schnell erzählt. In „Hagoromo" gibt ein Fischer einem Himmelsmädchen ihr verlorenes Federgewand zurück, damit es in den Himmel heimkehren kann; zum Dank tanzt es für ihn. In „Kaki Yamabushi" wird ein hungriger Bergasket beim verbotenen Naschen von Kakifrüchten vom Besitzer des Baumes zum Narren gehalten. „Shakkyoh" schließlich führt einen buddhistischen Mönch an eine morsche Steinbrücke, vor der vier Löwen tanzen, um ihm den Übergang zu ermöglichen.

Das erste Stück, das Federgewand, ist mit seiner Dauer von 50 Minuten für jemanden, der mit der Noh-Tradition nicht vertraut ist, herausfordernd. Begleitet von vier Instrumentalisten, drei Trommlern, einem hart spielenden Flötisten und einem Männerchor, der mit den Trommlern rezitiert und chantet, passiert auf der Bühne wenig. Der Tanz des Engels, vorgeführt vom Großmeister selbst, ist auf wenige Bewegungen reduziert. Prachtvoll ist vor allem sein Kostüm, und nach einiger Zeit scheint sogar die Holzmaske, die er trägt, lebendig. Lange steht er da, aber die minimalen Bewegungen haben, weil die Zeit eingefroren scheint, eine große Wirkung. Als Zuschauer wird man hineingezogen in den Bann, der durch die Musik und die Bewegungen entsteht. Man muss sich auf eine andere Wahrnehmung einlassen: auf Klang, Haltung, Dauer und minimale Veränderung. Was zunächst fremd und spröde wirkt, entwickelt eine eigentümliche Sogkraft. Die beiden anderen Stücke sind unmittelbarer zugänglich. Die Komödie nach der Pause wirkt wie ein Satyrspiel zwischen den beiden ernsteren Werken und belustigt das Publikum, während der Löwentanz in „Shakkyoh" mit prächtigen Masken und Kostümen virtuos und geradezu akrobatisch daherkommt. Viel Applaus für einen Abend, der so befremdet wie fasziniert.

 

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