Wie ein Vogelschwarm

Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker machen Bruckners Achte im Musikverein zu einem Ereignis selbstverständlicher Verständigung
Wien, , Christian Gohlke

Es ist kein Geheimnis, dass Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker einander schätzen; erst im August bezeichnete der Dirigent den traditionsreichen Klangkörper als das „Orchester meines Lebens“. Seit 1971 treten sie gemeinsam auf, und Muti hat in den vielen Jahrzehnten der Zusammenarbeit bisher knapp 480 Orchesterkonzerte mit ihm dirigiert (Opernaufführungen nicht mitgerechnet). Kein anderer Dirigent, weder Böhm noch Karajan, stand so häufig bei den Wienern am Pult. So sind eine große Wertschätzung und Vertrautheit gewachsen, ohne dass der Eindruck von glatter Routine aufkommt. Das war bei den Salzburger Festspielen zu erleben, als Muti Verdis „Requiem“ tief bewegend interpretierte (siehe Rezension in der F.A.Z. vom 19. August 2026), und so war es auch jetzt im Wiener Musikverein bei Anton Bruckners Sinfonie Nr. 8 in c-Moll.

Muti hat sich dieses monumentale Werk erst spät in seiner Karriere erobert. 2024 dirigierte er es erstmals, ebenfalls mit den Philharmonikern. Die jetzige Aufführung erinnerte an ein Wort Herbert von Karajans, der das gemeinsame Musizieren mit dem Flug eines Vogelschwarms verglichen hat: Der Schwarm bewegt sich in vollkommener Harmonie und ändert geschmeidig und ohne erkennbare Anstrengung seine Richtung, flexibel, elegant und schön. In diesem Sinne war vielleicht auch Mutis Geste beim enthusiastischen Schlussapplaus zu verstehen: Den Dank des Publikums reichte er mit seinem Taktstock elegant ans Orchester weiter. Und in der Tat sind Konzerte sehr selten zu erleben, die ein solches Maß an selbstverständlicher Verständigung erreichen: zwischen den Musikern, den Instrumentengruppen, dem ganzen riesigen Orchesterapparat und dem Dirigenten.

Gespielt wurde, wie meist im Konzert, die Fassung, die Robert Haas 1939 aus den beiden von Bruckner hinterlassenen Fassungen zusammengestellt hat. Bruckner, von Kritik stets leicht und tief zu verunsichern, hat sich 1887 entschlossen, sein Werk umzuarbeiten, nachdem Hermann Levi, der ihm durchaus wohlgesinnt war, es eher ablehnend beurteilt hatte. Die Uraufführung der neuen Fassung im Dezember 1892 (die Wiener Philharmoniker spielten im Musikverein unter Hans Richter) wurde dann ein großer Erfolg. Dennoch entschied sich Haas dafür, in seiner Variante sozusagen das Beste beider Welten zu vereinen. So problematisch das heute scheinen mag: Diese Variante hat sich letztlich durchgesetzt.

Muti wählte bei seiner Interpretation insgesamt verhaltene Tempi und formte die großen Bögen bis ins Detail aus. Manieriert war das in keinem Moment, weil jeder Akzent wie selbstverständlich in eine schlüssige Phrasierung eingebunden war. Zudem erwiesen sich die Tempi und die fein ausdifferenzierte Dynamik als dramaturgisch genau aufeinander abgestimmt. Die mächtigen Ausbrüche im Kopfsatz waren von katastrophischer Abgründigkeit, ohne je lärmend zu klingen, und die groß angelegten Steigerungswellen hatten eine niederdrückende Wucht. Das Scherzo war geprägt von einer ungeheuren Musizierlust, die den markanten Rhythmus kraftvoll ausspielte, ohne grobschlächtig zu werden. Im weit ausgespannten Adagio („Feierlich langsam; doch nicht schleppend“) entfalteten sich betörende Farben. Die Harfenklänge über den zart ausgespannten Klangflächen der Streicher erinnerten an das Funkeln von Mondlicht auf Schnee, die exzellenten Blechbläser dann an das warme Gold eines Sonnenuntergangs. Auch das Finale, in dem Bruckner die Themen der vorangegangenen Sätze kunstvoll übereinanderschichtet, war bezwingend und bewegend musiziert: klar in der Proportion, fein in der Ausgestaltung der Details, machtvoll im Ausdruck – eine Verklärung in C-Dur. Schade, dass ein Konzertbesucher seine Begeisterung sofort in den Saal hineinbrüllen musste, kaum dass der letzte Ton verklungen war. Diesem musikalischen Weltereignis, dessen staunender Zeuge man soeben hatte werden dürfen, hätte man gerne noch einige Momente in Stille nachgehorcht.

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