Um es gleich vorwegzunehmen: Madame Butterfly an der Bayerische Staatsoper war eine gute, bewegende Repertoireaufführung – doch als solche ließ sie an einigen Stellen noch Spielraum nach oben. In einer über fünfzig Jahre alten, nach wie vor sehenswerten Inszenierung entfaltet sich das Drama um die junge Cio-Cio-San vor einem stimmungsvollen Bühnenbild, dessen Zentrum ein großes japanisches Haus mit Shoji – den charakteristischen Papier-Schiebewänden – bildet. Mit intensiver Personenregie wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die sich in den amerikanischen Marineleutnant Pinkerton verliebt. Er heiratet sie zum Vergnügen, als touristische Attraktion – ohne es je ernst mit ihr zu meinen. Er schwängert sie, reist ab und kehrt erst drei Jahre später zurück: nicht allein, sondern mit seiner amerikanischen Frau, um den inzwischen dreijährigen Sohn nach Amerika mitzunehmen. Cio-Cio-San, die Butterfly, sieht keinen Ausweg und nimmt sich das Leben.
Dass der Abend musikalisch packend und anrührend geriet, lag vor allem an Eleonora Buratto in der Titelpartie. Buratto versteht Cio-Cio-San nicht als naives, verträumtes Opfer, sondern als starke Frau. Dass sie drei Jahre lang auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet, wirkt bei ihr weniger wie Realitätsverweigerung als vielmehr wie Ausdruck einer unbeirrbaren Hoffnung. Ihr warmer, tragfähiger Sopran bleibt auch in den Höhen und in den Ausbrüchen frei von Schärfe; er klingt nie unangenehm, sondern bleibt stets gestaltet. Vom fein gesponnenen, getragenen Pianissimo bis zu großen, kraftvollen Bögen über das volle – mitunter etwas zu laut aufspielende – Orchester hinweg stellt sie ihre Stimme konsequent in den Dienst eines überzeugenden Rollenporträts. Es war ihr Abend.
Doch auch die übrigen Partien waren hervorragend besetzt, allen voran Riccardo Massi als Pinkerton. In Zeiten, in denen die Regierung der USA autokratische Züge annimmt, wirkt sein geschmettertes „America for ever“ noch einmal besonders zynisch und brutal. Trotz seiner starken, eher lyrischen Stimme, die im Liebesduett mit Buratto wunderbar harmoniert, bleibt er als Pinkerton angemessen unsympathisch – und seine Verzweiflung am Ende der Oper nimmt man ihm kaum ab. Lucio Gallo als amerikanischer Konsul Sharpless verfügt über einen sonoren, tiefen Bariton, der sich mühelos gegen das Orchester behauptet; ein wenig mehr Farben und Nuancierungen hätten seiner Interpretation allerdings gutgetan.
Die koreanische Dirigentin Eon Sun Kim führte das Orchester zupackend und akzentuierte die dramatischen Aspekte der Partitur. Mit mehr Probenzeit wäre die Aufführung vermutlich runder, geschlossener und noch ausdrucksstärker geworden. So schön im Detail musiziert wurde: Oft klang das Orchester zu laut, zu knallig; und auch wenn die Dynamik für die Sängerinnen und Sänger kein grundsätzliches Problem darstellte, fehlten doch manche Zwischentöne, die sich bei längerer Vorbereitung sicher hätten herausarbeiten lassen. Aber – wie gesagt: Für eine Repertoireaufführung war das große Oper.