Die Liebe hat bunte Flügel
Bizets „Carmen“ an der Bayerischen Staatsoper
München, 2. März 2025, Christian Gohlke

Bedenkt man, welche Perlen des Repertoires in den letzten Jahren von den erneuerungssüchtigen Intendanten der Bayerischen Staatsoper schlankerhand entsorgt wurden (zuletzt noch Otto Schenks weltberühmte „Rosenkavalier“-Inszenierung), so ist es doch verwunderlich, dass gerade Lina Wertmüllers „Carmen“ aus dem Jahr 1992 bis heute erhalten blieb. Ein Geniestreich ist diese Produktion nun wahrlich nicht. Aber sie bietet eine solid erzählte Geschichte, die sich vor Klischees nicht fürchtet. Da gibt es bunte, folkloristisch anmutende Kostüme von Enrico Jobs und ein naturalistisches Bühnenbild mit südlichem Lokalkolorit vor zum Teil hässlich gelb gefärbtem Himmel. Röcke werden gerafft und Hüften geschwungen, anzügliche Blicke getauscht und finstere Machenschaften ausbaldowert. Kurzum: Es ist eine „Carmen“, wie man sie sich eben vorstellt.

Das Gelingen einer solchen Aufführung hängt im Opernalltag ganz davon ab, wie die Rollen der aktuellen Serie besetzt sind. Und jetzt hat man damit wieder einmal Glück. Besonders Piotr Beczala als Don José begeistert mit seinem ungemein kultivierten, nobel geführten und auch in den Höhen (fast immer) geschmeidigen Tenor. Auch gestalterisch füllt er die Rolle überzeugend, weil er das Gutherzige der Figur, die durch Verführung verstört und tief verletzt wird, glaubhaft darstellen kann. Da hatte seine Mutter mit ihrem letzten Wunsch schon recht: die Micaela hätte er nehmen sollen, die hätte gut zu ihm gepasst! Rosa Feola verleiht ihr mit ihrem aufblühenden, kraftvollen und nie scharfen Sopran lyrische Intensität, so dass das Duett im ersten Akt „Parle moi de ma mère“ mit großem Schmelz erklingt. Doch letztlich kommt diese Zartheit nicht auf gegen Carmens skrupellose Verführungskunst: Es ist, als erprobe sie gerade am armen José die Wahrheit ihrer Habanera: „L’amour est un oiseau rebelle“, der Clémentine Margaine mit glutvollem und zugleich wendigem Mezzo Nachdruck verleiht. Dass diese frivole Zigeunerin nicht allzu lange festhalten wird an ihrer Eroberung, wäre noch glaubhafter gewesen, wenn Jérôme Boutillier als Stierkämpfer Escamillo stimmlich präsenter gewesen wäre; gerade sein Trinklied „Votre toast“ hätte man sich emphatischer gewünscht. Carmen liebt ihn dennoch und wirft dem seelisch zerrütteten José den Ring vor die Füße, den er ihr als Zeichen seiner Liebe gab. Unheilvoll verdichtet sich die Atmosphäre, Beczala und Margaine gestalten diese finale Begegnung mit flirrender Intensität. Er stich sie nieder, indes im Hintergrund der Jubel über Escamillos Sieg in der Arena ertönt. Der Vorhang fällt rasch, und zurecht bejubelt das Münchner Publikum eine Besetzung, die aus einer gewöhnlichen Repertoire-Vorstellung einen außergewöhnlichen Opernabend machte. Daran ist maßgeblich auch Alexandre Bloch beteiligt, der das Bayerische Staatsorchester mit Energie, aber auch mit Sinn für lyrische Zwischentöne führte.