Es war ein großer Triumph: 2022 wurde in Bayreuth eine Oper aus den Archiven hervorgeholt, die seit 1740 nicht mehr zu hören war: Leonardo Vincis ‚Alessandro nell´Indie‘, ‚Alexander in Indien‘ also – wobei Leonardo Vinci nicht mit dem berühmten Leonardo da Vinci zu verwechseln ist. Aufhänger des extrem erfolgreichen Librettos von Pietro Metastasio ist der große Feldzug Alexander des Großen nach Indien, genauer: ins heutige Pakistan. Dort besiegte er 326 v. Chr. den König Porus. Was sich dann in der Oper entfaltet, hat allerdings mit den tatsächlichen Vorgängen nichts mehr zu tun: Poro, also Porus, will sich das Leben nehmen, weil er besiegt wurde. Der Selbstmordversuch wird natürlich aufgehalten, wie übrigens drei weitere solche Versuche in der Oper auch. Zur Mannschaft der besiegten Inder gehört Cleofide, die Geliebte von Poro, die einen kühlen Kopf bewahrt, um sich und ihren Geliebten aus der Gefangenschaft zu befreien. Dazu bandelt sie listig mit Alexander an und macht ihm Hoffnungen, was Poro, der sowieso schon zur Eifersucht neigt, vollkommen unerträglich findet. Das ist natürlich längst nicht alles: Es gibt einen Rollentausch, ein weiteres Liebespaar, einen richtigen Bösewicht und – natürlich - ein obligates happy end.
Die Bayreuther Produktion wurde nun vom Theater an der Wien übernommen, und es ist ein Glücksfall, dass die Oper wieder einmal live zu sehen und zu hören ist. Max Emanuel Cencic hatte als Regisseur die Idee, die Inszenierung beinahe wie ein Musical mit zahlreichen anspruchsvollen Tanzeinlagen (Choreografie: Sumon Rudra, der in Indien ein sehr erfolgreicher Choreograf ist) im völlig überzogenen Bollywood-Stil aufzuführen und mit großem Witz und Humor sowie einem rasanten Tempo ein Indienbild zu zeichnen, wie es den härtesten Klischee-Vorstellungen in Europa, vor allem in England, entspricht. Inspiriert hat ihn dort der Royal Pavillon in Brighton, ein völlig überladener orientalischer Bau von Georg VI., der nichts mit Indien selbst, aber alles mit europäischen Vorstellungen von Indien zu tun hat. Cencic lässt die Oper im Royal Pavillon spielen (Bühne: Domenico Franchi), Georg VI. ist gelangweilt und möchte ein Schauspiel aufführen, und so entwickelt sich die Oper selbst als ein Spiel im Spiel, bei dem Georg VI. die Rolle von Alexander dem Großen übernimmt. Mehr Glitter, mehr Kitsch und vor allem auch mehr Kostüme in prachtvoll satten Farben gehen nicht. Wo andere Regisseure mit derselben Idee den moralischen Zeigefinger einer mittlerweile ermüdenden Kolonialismuskritik heben würden, bleibt Cencis humorvoll, witzig – aber man lacht nicht über Indien, sondern über das eigene völlig verzerrte Indienbild und kommt aus dem Staunen über das, was sich in den knapp fünf Stunden auf der Bühne ereignet, kaum heraus.
Um die Besetzung zu würdigen, muss man wissen, dass bei der Uraufführung der Oper 1730 in Rom ausschließlich Männer auf der Bühne waren. Bis auf Gandarte, eine Tenorpartie, waren alles Kastraten, da in Rom Frauen auf der Bühne verboten waren und die Oper für ein römisches Theater komponiert worden ist. Cencic hat fünf Sopranisten bzw. Countertenöre für die Produktion engagieren können, und alle meistern die technischen Herausforderungen ihrer anspruchsvollen Partien wirklich bravourös. Und nicht nur das: Die Sänger sind allesamt als Schauspieler und auch als Tänzer extrem gefordert, denn viele ihrer Arien sind mit Tänzerinnen und Tänzern durchchoreografiert, und so muss dann auch bei ihnen jede Bewegung ganz genau sitzen. Dennis Orellana ist in dieser Produktion als Poro zu hören – eine höchst anspruchsvolle und lange Partie. Technisch kann man über seine Fertigkeiten nur staunen, aber auf die Dauer stellt sich doch eine gewisse Ermüdung ein. Seine Stimme hat wenig Farben, klingt leicht scharf und auch, wenn er die Spitzentöne so herausschleudern kann, dass das Theater zu erbeben scheint, freut man sich dann, wenn Maayan Licht als Alessandro zu hören ist, der über eine kultiviertere, weichere und flexiblere Stimme verfügt und dessen leise Töne unglaublich tragfähig sind – von seinem Talent zur Slapstick ganz zu schweigen. Bruno de Sá, ein echter Sopranist, der nie in den Stimmbruch gekommen ist, singt die Partie der Cleofide, und manchmal hätte ich mir mehr Drama in der sehr klaren, aber auch nicht sehr farbenreichen Stimme gewünscht. Mir persönlich hat Jake Arditti am besten gefallen. Sein Countertenor klingt warm, voll und ausdrucksstark, aber auch er ist in der Lage, virtuos aufzudrehen. Der Tenor von Stefan Sbonnik als Gandarte könnte doch ein wenig lyrischer sein, und Nicholas Tamagna als Timagene hat eine klare und starke Stimme, wie geschaffen für seine Rolle als Bösewicht.
Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Martyna Pastuszka, die mit ihrem eigenen Orchester, dem {oh!} Orkiestra, und viel Erfahrung mit der Barockmusik die Oper begleitet. Sie und ihr Orchester machen das mit viel Energie und Schwung, ohne in übertriebene Hektik zu verfallen, und die Continuogruppe sorgt für angemessene Dramatik in den Rezitativen. Lang anhaltender Applaus eines begeisterten Publikums.