Es ist eine Oper für die Weihnachtszeit: Giacomo Puccinis ‚La Bohème‘, und ich habe mich darauf gefreut, sie am zweiten Weihnachstag wieder einmal im Nationaltheater in München sehen zu können. In der Bayerischen Staatsoper spielt man die Tragödie seit 1969 in der textgetreuen Inszenierung von Otto Schenk, und die stimmungsvollen Bühnenbilder von der armen Mansardenwohnung über den Dächern von Paris, dem belebten Quartier Latin und der verschneiten Schenke begeistern mich nach wie vor. Wie kurzlebig, dachte ich mir, sind demgegenüber die Inszenierungen und Ausstattungen heutiger Produktionen, die auf krampfhafte und oft so wenig überzeugende Aktualisierungen setzen!
Es hätte eigentlich ein Abend mit Starbesetzung sein sollen: Sonja Yoncheva und Benjamin Bernheim waren als Mimi und Rudolfo angekündigt. Verschiedene Umbesetzungen haben dazu geführt, dass es dann doch anders kam. Erlebt habe ich eine recht gute und routinierte Aufführung, bei der es aber einige Luft nach oben gab. Richtig begeistert war ich von dem Dirigenten, Nicola Luisotti, und dem Bayerischen Staatsorchester. Mit großer Geste zelebrierte Luisotti Puccinis emotionale Überwältigungsmusik, und auch, wenn es manchmal vielleicht doch etwas zu laut war und die Sänger an die Grenzen kamen, blieb im Publikum kaum ein Auge trocken. Dabei gelangen die großen dramatischen Szenen mit ihren weit ausschwingenden Melodiebögen deutlich besser als die Anfangsszenen im ersten und vierten Akt, in denen die Bohemièns unter sich sind; da wurde manchmal mehr gepoltert als gesungen, und manches hätte ich mir auch im Orchester feiner und differenzierter gewünscht – aber für eine normale Repertoireaufführung hat es allemal gereicht.
Der russischen Sopranistin Galina Cheplakova gelang es als Mimi mit ihrem starken, in den Höhen kernigen Sopran mühelos, sich über die Orchesterwogen zu erheben - Davide Giusti hatte da als Rudolfo schon ein wenig mehr Mühe, und manch hoher Ton kam eher etwas gestemmt als schön gesungen. Aber Giusti hat ein schönes, tragfähiges Piano, und so gelangen ihm auch die lyrischeren Passagen seiner Partie sehr ausdrucksstark. Juliana Grigoryan in der Rolle der Musetta hat mich vor allem im letzten Akt überzeugt, und Andrzej Filończyk als Marcello war stimmlich zu eindimensional – da fehlten mir Farben und Gestaltungsmöglichkeiten. Insgesamt aber ein schöner Abend, der die Zuschauer innerlich erwärmt in die kalte Münchner Nacht entließ.