1978 wurde John Neumeiers Ballett „Die Kameliendame“ in Stuttgart uraufgeführt. Seit 1997 ist sein längst zum Klassiker avanciertes Werk auch an der Bayerischen Staatsoper zu sehen. Neumeiers Arbeit, obwohl inzwischen beinahe ein halbes Jahrhundert alt, wirkt kein bisschen angestaubt. Vielmehr geht von dieser vielschichtigen Choreographie nach wie vor ein großer Zauber aus. Wie hier die wechselnden Gefühle der Protagonisten mit teils schlichten, teils höchst anspruchsvollen Bewegungen und Gesten auszudrücken weiß, ist so beeindruckend wie anrührend, und Jürgen Roses Bühnen- und Kostümbilder sind in ihrer fein aufeinander abgestimmten Farbigkeit die reinste Augenweide.
Nach einer Pause von langen sechs Jahren ist die Geschichte von Armand und Marguerite jetzt auf die Bühne des Nationaltheaters zurückgekehrt. Versteht sich, dass die Vorfreude bei den Münchner Ballettfreunden groß und die Erwartungen an die aktuelle Besetzung hoch waren. Sechs Jahre, das ist in der Welt des Tanzes eine sehr lange Zeit, und so waren bei der Wiederaufnahme mehr oder minder lauter Rollendebüts zu erleben. Ein wenig war denn auch zu spüren, dass die technisch außerordentlich fordernde Choreographie noch nicht so ganz ins Fleisch und Blut der Compagnie übergegangen ist. Da wird sich in den kommenden Vorstellungen gewiss das eine und andere Detail noch zurechtruckeln und an Selbstverständlichkeit gewinnen – so zum Beispiel die charmante Szene auf dem Land, der bisher jener Überschuss an Leichtigkeit und Kraft fehlt, der all die wundervollen Miniaturen, die sich hier aneinanderreihen, erst zum Ereignis werden lässt.
Und die beiden Hauptfiguren, auf die hier so vieles ankommt? Welchen Eindruck haben sie hinterlassen? Jakob Feyferlik gab einen leidenschaftlichen, kraftvollen und technisch sicheren Armand, der nicht nur die Verliebtheit, sondern im zweiten Akt auch die Verzweiflung der Figur und im dritten schließlich ihre tiefe Verletztheit anschaulich darstellen konnte. Leicht und geschmeidig gelang zudem der große pas de deux im zweiten Akt auf dem Land. Hier überzeugte auch Laurretta Summerscales mit Anmut und Eleganz. Nur im ersten Akt, wenn sie Armand zunächst spöttisch zurückweist, sich ihm dann aber doch öffnet, könnte ihre Figur darstellerisch noch profilierter auftreten und das Spiel der beiden noch präziser auf Chopins Musik abgestimmt sein. Eindrücklich gelang der Solistin die irreale Begegnung mit Manon, der Figur, in der sie sich wiedererkennt, zu Chopins „Regentropfen-Prélude, das Dmitry Mayboroda im Tempo verhalten und mit großem Ausdruck meisterhaft spielte: Farbenreich und dynamisch fein schattiert. Violette Keller bildete dabei als präsente und kräftige Manon einen passend scharfen Kontrast zur fragil und zart wirkenden Marguerite von Summerscales, die noch ganz unterm Eindruck der Begegnung mit Armands Vater, Monsieur Duval stand, dem Ivan Liska mit starken Gesten Präsenz verlieh. Wie schön, dass es in München wieder möglich ist, all diesen Figuren zu begegnen! Man muss das sehen, immer wieder. Unbedingt.