So was – tut man doch
Ibsens Hedda Gabler
Bern, 21. Februar 2025, Bernhard Metz

Henrik Ibsens Stücke sind in die Jahre gekommen, unzeitgemäß wirken sie bis heute dennoch nicht: Ibsen bleibt nach Shakespeare der meistaufgeführte Dramatiker der Weltliteratur, auch die Berner Neueinrichtung von Hedda Gabler – Premiere am 21. Februar 2025 – in der Regie von Barbara Weber zeigt bestechend, wie aktuell auch dieses 1890 geschriebene Drama geblieben ist. Daran hat die Besetzung gewichtigen Anteil, doch Bühne (Simeon Meier), Kostüme (Sara Giancane), Licht (Rolf Lehmann), Musik (Mo Sommer) und Textbuch (Julia Fahle, basierend auf einer Übersetzung von Angelika Gundlach) sind ebenfalls stimmig und gelungen. Dabei werden so ernste Themen wie Autonomie, soziale Gerechtigkeit, Klasse, Tradition, Machtmissbrauch, Sexismus, Lebenslügen, Konventionsdurchbrechung, Verantwortung oder Selbstzerstörung verhandelt.

Gestrichen wurde Hausmädchen Berte und auf eine Telephonstimme verkürzt Tante Juliane (wodurch sie mittels dauerklingelnden Apparats noch viel enervierender gerät), Gerichtsassessor Brack hingegen ist weiblich besetzt. Die vier Akte sind mit Strichen und Textverschiebungen klug reduziert auf eine pausenlose Spieldauer von etwa 110 Minuten, was der langen Periode von eineinhalb Tagen (von spätvormittags bis anderntags am Nachmittag vergehen in der Vorlage 36 Stunden) gut bekommt. Nun wäre es naheliegend und überaus einfach, Hedda Gabler als Opfer damaliger (heutiger) Verhältnisse zu inszenieren.

Stattdessen erleben wir eine intrigante, selbstverliebte und moralisch auffällig verlotterte Titelfigur, die von Yohanna Schwertfeger beängstigend gut gespielt wird, ohne dabei in Femme -fatale-Klischees abzurutschen. Die launische Hedda quält und zerstört alle und alles, zuletzt sich selbst. Sympathisch ist hier niemand, eher tragisch bemitleidenswert in der unausweichlichen Härte, in der sich die Katastrophe abzeichnet und folgerichtig ereignen muss. So was kommt von so was. Kilian Land gibt seinen Jørgen Tesman nicht nur als detailverliebten Stoffhuber, sondern als gänzlich unerotischen Ehemann und umso neurotischeren Tantenliebling, Genet Zegay spielt ihre Thea Elvsted als schmierige Heiratsschwindlerin, die es in der Provinz nicht länger aushält und der man weder ihre Sorge um fremde Kinder noch ein selbstlos aufopferungsvolles Engagement für den gefallenen Løvborg abnehmen möchte. Isabelle Menke spielt Brack nicht nur als windige Winkeladvokatin, sondern als gleichermaßen karrierefixierten wie sexbesessenen Machtmenschen mit laszivem Hüftstoß, dem Amtsmissbrauch, Profitgier und Erpressung ohne jegliche Gewissenskonflikte selbstverständlich sind.

Sie alle werden durch Kleidung, Habitus und Verhaltensweisen grob überzeichnet, jedoch ohne dabei lächerlich oder unglaubwürdig zu wirken. Alles oszilliert merkwürdig zwischen spätem 19. Jahrhundert und heute, auch in der grellen Überkonturierung, wie sie etwa aus Herbert Fritschs Inszenierungen bekannt ist – die Kostüme sind sowohl zeitgemäß und neureich übertrieben sowie zugleich (Hedda trägt anfangs sogar Korsett und Reifrock) hochkonventionelle Gesellschaftsgarderobe mit Hut und Gehrock von vorgestern. Die Figuren wirken damit einerseits gehemmt, bewegungsunfähig und eingesperrt, andererseits wie Doppelbelichtungen aus Wilhelm-Busch-Zeichnungen oder stockfleckigen Jahrhundertwendephotographien mit der Gegenwart, starr und bewegt, antiquiert und heutig zugleich. Sind immer beides, alte Bekannte (was sie füreinander nach langer oder kürzerer Abwesenheit auch sind, ohnehin für das Publikum) sowie in ihrer Zeit gealterte Twens bzw. gerade nicht mehr junge Erwachsene (allesamt haben sie keine eigenen Kinder, stehen teilweise noch vor dem Eintritt ins Berufs- und Gesellschaftsleben, sind zukunftsoffen und zugleich verkapselt in der Enge ihrer persönlichen Möglichkeiten). Das Stück spielt gerade mit diesem generationellen Neuanfang und seiner Unmöglichkeit, weil nichts so weitergehen kann wie bisher.

Nur einer schert optisch deutlich aus: Tesmans Antipode Ejlert Løvborg (André Willmund), hochbegabter Sinnhuber, immerzu rückfallgefährdeter Ex-Alkoholiker und lebenshungriger Zukunftsmensch. Der sitzt als Outsider, bis er Mitte des zweiten Akts seinen Auftritt hat, neben der Bühne und spielt Schlagzeug und Gitarre, man hält ihn in Jeans mit schwarzem Kaschmirpulli für einen Begleitmusiker. Bis klar wird, dass er es ist, um den sich die Gespräche die ganze Zeit über drehten, skandalumwitterter Jugendfreund, Geliebter, Grenzüberschreiter, Konkurrent. Willmund spielt überragend die sensibelste und unkonventionellste, dabei auch verletzlichste und am meisten schutzbedürftige Figur des Stücks; zugleich verfolgt man ihre von Hedda konsequent umgesetzte Vernichtung als tragische Angelegenheit, die sich unnachgiebig und unaufhaltsam ereignen muss.

Zegay und Schwertfeger singen je ein Lied, zuerst ist nicht klar, ob die atmosphärische Musik (neben auch elektrisch verzerrte Slide-Gitarre) außerhalb der Rollen stattfindet, wobei Hedda schon in der Vorlage mehrmals Klavier spielt. Dann aber wird alles offenbar: «I felt alive / By killing a part of you / I got pleasure trough your pain» singt sie, während sie das geniale Manuskript, das geistige Kind von Løvborg und Thea Elvsteds, brutal verbrennt und präzisiert: «I enjoy to / Destroy you / It delights me / To disguise me [...] I am evil / I am pure evil». Damit wird Hedda als sadistische Zerstörerin ausgewiesen, ihre berüchtigte Aussage «Ich will einmal im Leben die Herrschaft über ein Menschenschicksal haben» nicht mehr nur aus Langeweile ausgesprochen, sondern aus manipulativer Berechnung und tiefster Verkommenheit. Die ist freilich weniger selbstgewählt als den Umständen geschuldet, noch Heddas abschließende Selbsttötung (mit der Duellpistole des toten Vaters, böses Erbe) etwas, was kaum ihren Ansprüchen an eine schöne Tat genügt, sondern beklemmender Ausdruck patriarchaler Strukturen. Die Fokussierung auf so etwas wie «Toxic Femininity» macht Webers Berner Inszenierung interessant.

In Bern erleben wir eine schmerzhafte Analyse von Eigensinn, Verantwortung(slosigkeit) und ihren Folgen. Wo Hedda gemeinhin als Daddy’s spoiled rich little girl ziemlich diffus von Schönheit und Befreiung schwadroniert und doch nichts zuwege bringt, als sich über ihre eigene Langeweile auszulassen («Manchmal glaube ich, ich habe Anlage nur zu einer Sache auf der Welt. Mich zu Tode zu langweilen»), wird sie hier zur aktiven, handelnden, bewusst agierenden Figur. Gewinnt an tragischer Tiefe, löst nicht nur Mitleid, auch Schaudern aus. Gewiss, nicht alles sucht sie sich aus, ist eine Getriebene ihres Charakters und persönlicher Defekte. Tragödie galt im 19. Jahrhundert als unzeitgemäß und veraltetet, und doch realisiert sie sich hier unter modernen Vorzeichen als individuelles Schicksal, das nicht mehr auszudeuten ist: «so was kommt über mich, ehe ich mich dessen versehe. Und dann kann ich nicht widerstehen. Oh, ich weiß selbst nicht, wie ich es mir erklären soll.»

Anfangs tönt Hedda noch vollmundig: «So was pflegt man doch hier nicht zu tun» und kommentiert ihre eigene frühere Drohung, Løvborg zu töten: «so etwas tut man doch nicht!» wird das Stück beschlossen. O doch, genau das ist der Punkt. Barbara Webers Inszenierung nimmt Hedda Gabler alles Abhängige, Mädchenhafte, Opfergemäße, erhebt sie zu einer Figur der Autonomie und Stärke, die weiblichen Eigensinn, auch weibliche (Selbst-)Zerstörungskraft neu sehen lässt. Sensationell gut gespielt von allen, besonders freilich von Schwertfeger, deren Härte und Kaltblütigkeit diese Hedda in die Nähe von Medea oder Lady Macbeth bringt und sie weit abrückt von versöhnlichen Inszenierungstraditionen. Sie überschreitet zwar – sonst verlässt Hedda als einzige Figur den Bühnenbereich des engen Ehehauses nie – nur ein einziges Mal sichtbar den gesetzten Rahmen, und zwar, als sie von Løvborgs Tod hört und diesen anfangs als Tat in Schönheit rühmt. Wichtiger freilich sind weitere Bewegungen und eine direktere Körperlichkeit: Vor Beginn schwingt Hedda sich an schwarzen Turnringen über die Bühne, fliegt fast ins Publikum, und tut dies auch zum Ende wieder: dazwischen ist immer sie es, die alle Fäden in der Hand hat. Die unbeweglichste und eingeengteste aller Figuren des Stücks entscheidet über alles, bringt den Mut zum Bösen auf. So was.