Tristesse à la mode
Leoš Janáčeks „Káťa Kabanova“ an der Bayerischen Staatsoper
München, 30. März 2025, Christian Gohlke

Im Städtchen Kalinow an der Wolga lebt Káťa in einer kalten Ehe mit Tichon, der eher dem Alkohol als seiner Frau zugetan ist und zudem unter der Fuchtel seiner herrschsüchtigen Mutter Marfa steht. Als Tichon sich auf Geschäftsreise befindet, gibt Káťa ihrer Liebe zu Boris nach. Sie gesteht später ihren Fehltritt, wird von der Gemeinschaft dafür geächtet und ertränkt sich schließlich in der Wolga. – Die Handlung von Leoš Janáčeks 1921 in Brünn uraufgeführter Oper ist erst einmal nicht sonderlich originell. Aber das Werk kann ergreifend und mitreißend von einem Leben erzählen, das an der Enge des eigenen Umfelds zerbricht, wenn die Regie es versteht, den Konflikt zwischen einem engstirnigen, kleinbürgerlichen, tyrannischen Umfeld und dem Wunsch nach ein bisschen Glanz und Glück, das die Protagonistin empfindet, anschaulich werden zu lassen.

Eben daran scheitert Krzystof Warlikowskis Inszenierung, die am 17. März im Münchner Nationaltheater Premiere hatte. Schon der Bühnenraum, den wie immer Małgorzata Szczęśniak für ihn gebaut hat, taugt in seinen Dimensionen nicht recht dazu, ein Gefühl klaustrophobischer Enge zu vermitteln: Ein riesiger, mit Sperrholz verkleideter Kasten, an dessen Wänden in gläsernen Vitrinen Schaufensterpuppen oder auch ein grünliches Aquarium zu sehen sind, bilden die Spielfläche von Figuren, deren Kleidung an eine Szenerie im Ostblock der 1970er Jahre denken lässt. Doch obwohl diese Tristesse zunächst gar nicht übel zum Stück zu passen scheint, entfaltet sich keine Atmosphäre. Die Enge, unter der Katja leidet, die Härte, der sie ausgesetzt ist, wird kaum je spürbar.

Das liegt auch an Violet Urmana, die als Kabanicha mit wasserstoffblonder Perücke zu harmlos bleibt, dabei aber doch ein wahrer Drache von Schwiegermutter sein müsste. Dass Warlikowski ihr eine sexuelle Affaire andichtet, macht die Figur zudem nicht eben glaubhafter. Besser getroffen ist ihr Sohn Tichon, den John Daszak mit etwas engem, aber kraftvollem Tenor als äußerlich wie seelisch verwelkten frühgealterten Mann zeigt, der sich allzu willig den Launen der Frau Mutter beugt. Schon äußerlich bildet Boris mit seinem sandgelben Anzug und seinem hellen Wuschelhaar dazu einen starken Kontrast, und Pavel Cernoch verleiht ihm auch stimmlich Eleganz und tenorale Strahlkraft. Dass er und Katja sich, sobald Tichon sich auf Geschäftsreise befindet, nicht in einem verschwiegenen, nur schwer zugänglichen Garten verabreden, sondern ganz ungeniert in einer öffentlichen Bar, ist bei der im Stück immer wieder zum Thema gemachten sozialen Kontrolle durch die Gemeinschaft wenig plausibel. Ihre erotische Begegnung, die doch ein Ausbruch aus der muffigen Ehe sein sollte, verkommt in München zum billigen Quickie auf der Toilette der Bar. Für das Gewitter, das den dritten Akt einleitet, findet die Regie kein Bild, so dass der Dialog darüber seinen Sinn einbüßt. Immerhin, Corinne Winters hat nun ihren finalen großen Auftritt, wenn sie sich ein letztes Mal mit Boris trifft, der hier, hinter einer weißen Maske versteckt, eigentümlich entpersonalisiert wird. Nicht um ihn als Charakter scheint es Katja zugehen, sondern eher um die Möglichkeit zur Flucht, die er bietet. Doch Boris denkt nicht daran, sie nach Sibirien mitzunehmen, und so bleibt ihr nur der Tod in der Wolga. Corinne Winters gestaltet diesen Abschied eindringlich. Er ist szenisch überzeugend, weil ihr feines Minenspiel als Video im Großformat zu sehen ist, wozu Projektionen von blühenden Löwenzahnwiesen gezeigt werden. Er glückt auch musikalisch, weil die Sängerin ihren eher schlanken Sopran aufblühen, strömen lassen und farblich schattieren kann. „Vöglein werden an das Grab kommen, ihre Jungen mitbringen, und Blümlein werden blühen, kleine rote und blaue und gelbe“, so imaginiert sie ihre Zukunft. Schade, dass sie (wie auch die übrige, durchweg erfreuliche Besetzung) vom allzu lautstark aufspielenden Staatsorchester immer wieder zugedeckt zu werden droht. Hier hätte Marc Albrecht, der die Partitur mit einem energetischen, vorwärtsdrängenden, differenzierten Klang wunderbar entfaltet, etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, wenn es auch sein mag, dass die nach oben völlig offene Bühne akustisch alles andere als ideal gestaltet ist.