What does it mean?
Das Bayerische Staatsballett eröffnet seine Festwoche mit einer abwechslungsreichen, witzigen und anrührenden Premiere
München, 28. März 2026, Christian Gohlke

Mit allzu hohen Erwartungen sah man diesem Abend nicht einmal entgegen: Wie im letzten Jahr wurde auch diese Festwoche des Bayerischen Staatsballetts mit einem sogenannten „Triple Bill“ eröffnet. Drei je etwa halbstündige Choreographien wurden wieder einmal zusammengestellt und so als große Premiere verkauft. Sollte ein Haus von der Bedeutung des Bayerischen Staatsballetts nicht in der Lage sein, bei einem solchen Anlass mit wenigstens einem neu choreographierten Werk aufzuwarten? Ist es nicht eine allzu sichere Bank, stattdessen Choreographien einzukaufen, die sich andernorts bestens bewährt haben? Und sollten, wenn schon ein neues „Triple Bill“ als Premiere angesetzt wird, nicht wenigstens drei für München neue Werke gezeigt werden?

So berechtigt diese Einwände gegen die Premiere in Nationaltheater auch waren, so gegenstandslos erschienen sie angesichts eines originellen und anrührenden, zum großen Teil sehr gut getanzten Abends. Er heißt „Common ground“, weil alle drei gezeigten Choreographien dem künstlerischen Nährboden des NDT entsprossen sind. Jiří Kyliáns „Bella Figura“, 1995 in Den Haag uraufgeführt und beim Staatsballett nach 2012 auch im letzten Jahr bei der Festwoche als Auftakt des Dreiteilers „Wings of Memory“ gezeigt, steht jetzt als Abschluss auf dem Programm. Aber merkwürdig: Was in der vergangenen Saison tief berührte, wirkte bei dieser Premiere ein wenig flau. Es fehlte der letzte Schliff. Für fünf Tänzerinnen und vier Tänzer zu Kompositionen von Marcello, Pergolesi, Vivaldi und anderen Barockkomponisten geschaffen, entfaltet sich in einer an Caravaggio erinnernden Beleuchtung in immer neuen Konstellationen eine Formensprache, die ganz der Musik folgt und auf höchste Präzision angelegt ist. Auch kleine Ungenauigkeiten (ungleiche Abstände, ein Vorhang, der nicht präzise fällt, Armwinkel, die eine Linie ungewollt durchbrechen) wirken dabei störend, zumal die Besetzung im vergangenen Jahr über eine größere Bühnenpräsenz verfügte.

Absolute Präzision gab es zwar auch bei „Cacti“ von Alexander Ekman nicht zu bestaunen, aber das Stück, uraufgeführt am NDT 2010, ist derart originell, dass sie hier gar nicht vermisst wurde. Ekman schafft einerseits mit einem großen Ensemble höchst eindrucksvolle Bilder – und verspottet den Versuch, sie zu deuten, zugleich durch gesprochene Texte, die in ihrem intellektuellen Gestus an überkluge Analysen von Kritikern oder Dramaturgen erinnern, auf charmante Weise: Von einer „pro-cacti-interdiscipilary collaboration of live Music , slash dance, slash spoken word proscenium performance“ ist da die Rede oder von der „dichotomy between ancient ritual and modern practice as the potential doom of technology driven contemporary society“ etc. Ekman lässt die Tänzer gekonnt mit unterschiedlich hohen Podesten hantieren, die mal auf dem schwarzen Bühnenboden ein riesiges Schachbrettmuster ergeben, oder auch, hochkant gestellt, als Versteck dienen, hinter dem die Köpfe und Arme der Tänzer wie beim Synchronschwimmen auftauchen und verschwinden. Ein witziges präzise getanztes Duett zwischen Osiel Gouneo und Carollina Bastos bildet den Mittelteil des Stückes. Wird hier der Tanz vom gesprochenen Dialog begleitet, so greift der Choreograph im letzten Teil wieder beeindruckend genau die Rhythmen der Musik auf, die, zunächst von einem Streichquartett gespielt, jetzt vom Band erklingt. Besonders packend gelingt die Visualisierung des Finalsatzes von Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Das Hektisch-Flackernde dieser Presto-Tarantella im Sechsachteltakt äußert sich auch durch ein kluges Lichtdesign (Tom Visser), das einzelne Gruppen hervortreten und wieder verschwinden lässt.

Ganz anders, aber ebenso intensiv und faszinierend ist Johann Ingers „Impasse“. Die 2020 uraufgeführte Choreographie bildet den Mittelteil und wohl auch den Schwerpunkt des Münchner Ballettabends. Auf der schwarzen, fast leeren Bühne ist nur der stilisierte Umriss eines Hauses zu sehen. Ein Mädchen im schlichten, schilfgrünen Kleid kommt daraus hervor, ein Junge folgt ihr nach einiger Zeit. Ihr Umgang ist kindlich-unbekümmert, frei und leicht, spielerisch und innig zugleich. Ein zweiter Tänzer kommt hinzu. Aber aus dieser Konstellation ergibt sich nicht etwa eine erotische Rivalität (die beiden Männer stehen sich gegenüber und lachen miteinander), sondern ein bezauberndes Beisammensein zu dritt, wechselnd in Nähe und Distanz, nicht frei von Spannung, auch nicht frei von erotischen Zwischentönen, aber getragen doch von einer glücklichen Nähe. Wie Violetta Keller, Severin Brunhuber und Soren Sakadales das tanzen, ist hinreißend schön: Ganz leicht, ganz selbstverständlich und mühelos wirkt das, völlig gelöst und unverkrampft. Als eine Gruppe (City people heißen sie im Programmheft) schwarz gewandeter Gestalten auftaucht, halten die drei zunächst Distanz, lassen sich aber neugierig auf den Tanz der Neuen ein und bilden schließlich eine uniforme Einheit mit ihnen, nicht in der Kleidung, nicht in der Gestik mehr unterscheidbar. Doch diese Konformität scheint eine Sackgasse zu sein (so lässt sich der Titel „Impasse“ in etwa übersetzen.) Daraus lösen sie sich, finden sich wieder zu dritt – und verlieren sich erneut, jetzt nicht an eine homogen wirkende Masse, sondern an „Exotic people“, bei denen es schrill und laut und lustig zugeht, höchst individuell und ziemlich seicht und beliebig. Ein Lichtspiel, das im bunten Trubel plötzlich auftaucht, erscheint wie etwas rätselhaft Fremdes in dieser Sphäre und ändert alles; panische Fluchtbewegungen meint man zu erkennen. Auch diese Lebensform wirkt wie eine Sackgasse. Zuletzt stehen die drei Tänzer wieder alleine auf der Bühne beieinander, das Haus, aus dem sie getreten sind, ist einer Miniaturform gewichen – sie sind ihm entwachsen und dabei wohl auch erwachsener geworden. Ein Ausklang, ganz still und intim nach einer knappen halben Stunde mit starken Bildern, die haften bleiben.